Titelverteidiger Niedermaier und Schachmann wollen erneut aufs Podest
Den Kopf nach unten gesenkt, in optimaler Körperhaltung, aerodynamisch, um möglichst wenig Luftwiderstand zu spüren. Das Einzelzeitfahren ist die reinste Form des Radsports. Der Rennfahrer allein auf seiner Maschine, vor sich der nackte Asphalt, elend lange Geraden auf denen das Licht in der Luftschicht über dem Boden ständig gebrochen wird und die Straßenoberfläche flimmert. Es ist ein einsamer Kampf gegen die unerbittlich tickende Uhr. Der innere Schweinehund, er ist manchmal ein härterer Gegner als der Konkurrent, der einem in einem normalen Straßenrennen im Nacken sitzt.
Einzelzeitfahren, das ist eine Disziplin, die man entweder mag oder hasst. Dazwischen gibt es nichts. Einer der das besonders gut konnte, ist Tony Martin. Er wurde viermal Weltmeister im Kampf gegen die Uhr. Dazu viermal mit der Mannschaft. „Es ist die ehrlichste Disziplin im Radsport,” sagt der Botschafter der Straßen-DM 2026. „Niemand kann sich verstecken. Du musst alles geben, um vorn zu sein.”
An die Titelkämpfe in Streufdorf vor zehn Jahren kann sich der Gelbe Trikot-Träger der Tour de France noch bestens erinnern. „Es war an diesem Tag unglaublich heiß, aber die Strecke war für mich optimal.” Zum sechsten Mal holte sich Martin in Streufdorf den DM-Titel in der Eliteklasse. Vier weitere sollten noch folgen.
Der Zeitfahr-Champion hat 2021 seine Karriere beendet. Als Titelverteidiger geht diesmal Maximilian Schachmann ins Rennen, der ebenfalls vor zehn Jahren in Streufdorf gekürt wurde. Der gebürtige Berliner gewann damals in der Klasse U23. Das sind die Fahrer der Altersklasse 18 bis 22. Inzwischen ist Schachmann längst erfolgreicher Profi, gewann zweimal die prestigeträchtige Fernfahrt Paris-Nizza, war zweimal Deutscher Straßenmeister und will am 26. Juni in Thüringen, wo er seine Lehrjahre als junger Rennfahrer verbrachte, den Titel in der Eliteklasse verteidigen.
Sein Training zu Hause in Andorra, wo der 32-Jährige mit seiner Familie lebt, verlief zuletzt gut. Die gesamte Saison war dagegen nicht so optimal. „Ich bin super ins Jahr gestartet, hatte gute Werte, bis zu jenem verhängnisvollen Sturz bei der Algarve-Rundfahrt,” berichtet Schachmann.
Auf der fünften und letzten Etappe der Tour war er 35 km vor dem Ziel schwer gestürzt, zog sich zwar keine Brüche zu, aber hatte seitdem Probleme im Rücken. „Ich konnte lange auch nicht richtig atmen,” erinnert er sich und ist froh, diese schwere Zeit hinter sich gelassen zu haben. „Es geht mir deutlich besser”, sagt er und freut sich auf das Zeitfahren an seiner alten Wirkungsstätte. Damals bekam er nach einer gemeinsamen Trainingsfahrt mit Tony Martin noch wertvolle Tipps vom Champion. Die braucht er heute nicht mehr. „Ich weiß zwar nicht genau, wo ich derzeit stehe, aber ich blicke zuversichtlich auf die DM,” sagt Schachmann, der als Titelverteidiger als letzter Fahrer ins Rennen gehen wird.
2025 siegte Schachmann mit 17 Sekunden vor Miguel Heidemann und 25 vor Lennard Kämna. Beide gehören auch diesmal zum Kreis der Medaillenanwärter, ebenso wie Nils Politt, der letztes Jahr das Podium knapp verpasste, aber als Titelträger der Meisterschaften 2023 und 2024 ganz klar zu den Favoriten gezählt wird. In jenen Jahren wechselten sich übrigens drei Fahrer auf dem Podest ab: 2023 gewann Politt vor Schachmann und Heidemann, 2024 fuhr Heidemann auf den Silber- und Schachmann auf den Bronzerang. Der Trierer möchte nur zu gern endlich einmal ganz oben auf dem Treppchen stehen. Auch Maximilian Walscheid, der ein glänzendes Zeitfahren im Giro absolvierte, ist zum Favoritenkreis zu zählen.
Zusammen mit Schachmann und Marco Brenner gehörte Heidemann 2024 bei den Weltmeisterschaften in Zürich zur erfolgreichen Mixed-Staffel des deutschen Radsportverbandes, die nur um eine einzige Sekunde den Titel verpasste. Bei den Frauen standen damals Franziska Koch, Liane Lippert und Antonia Niedermaier im Aufgebot. Niedermaier ist in Streufdorf Titelverteidigerin im Einzelzeitfahren und ist die Top-Favoritin.
Der 26,2 km lange Parcours mit seinem welligen Profil liegt der 23-Jährigen, die im Juni mit einer Glanzleistung im Giro überzeugte, wo sie hinter Demi Vollering aus den Niederlanden den zweiten Platz im Gesamtklassement belegte. „Es hat eine Weile gedauert, bis ich wirklich begriffen habe, was beim Giro d’Italia passiert ist. Auf diesem Podium zu stehen, war mehr als nur ein Ergebnis – es war die Krönung jahrelanger harter Arbeit”, sagte Niedermaier einige Tage nach dem Rennen. Dieser Podestplatz sei ein wahrgewordener Traum, findet die zweimalige U23-Weltmeisterin im Einzelzeitfahren.
Und weil sie derzeit auf einer Woge des Erfolges schwebt, wäre ein neuerlicher Titelgewinn im Zeitfahren keine Überraschung. „Ich möchte gern mein Meistertrikot verteidigen,” machte sie kurz vor den Titelkämpfen deutlich. Besonders vorbereitet hat sie sich nicht. „Ich mache regelmäßig ein, zweimal die Woche Zeitfahrtraining. Das ist bei mir Standard”, sagt sie. Auch im Straßenrennen hat sie Ambitionen, weiß aber um die starke Konkurrenz von Titelverteidigerin Koch, Liane Lippert oder Ricarda Bauernfeind und räumt ein: „Der Giro hat ganz schön an mir gezehrt. Aber ich bin bereit und freue mich auf die DM.”
Im letzten Jahr gewann Niedermaier den DM-Titel im Einzelzeitfahren mit einem Vorsprung von mehr als einer Minute vor der Olympiasiegerin in der Mannschaftsverfolgung, Franziska Brauße und vor Liane Lippert, die damals 1:41 Minuten zurücklag.
Eine heiße Medaillenkandidatin ist diesmal auch Franziska Koch, zweimalige Deutsche Straßenmeisterin und Siegerin des Klassikers Paris-Roubaix im April diesen Jahres. „Ich habe mich speziell darauf vorbereitet,” verrät Koch, dass sie in Thüringen bei beiden Meisterschaften, im Straßenrennen und im Einzelzeitfahren, um die Medaillen kämpfen will.