Straßen-DM: Steinhauser fordert Titelverteidiger Zimmermann heraus

Der Countdown läuft: Nur noch wenige Tage, dann wird das begehrteste aller deutschen Meistertrikots im Radsport vergeben: im Straßenrennen der Elite. Frauen und Männer kämpfen in Bad Liebenstein (Thüringen) um die Titel. Auch der Nachwuchs fightet um die Medaillen.

Normalerweise geht es beschaulich zu, in der Kleinstadt des Wartburgkreises in Thüringen. Kurgäste flanieren durch den Kurpark und genießen die schöne Landschaft. Am kommenden Wochenende aber wird Bad Liebenstein aus dem Dornröschenschlaf erwachen, wenn sich einige hundert Rennfahrer zum Titelkampf bereit machen. In der Herzog-Georg-Straße wird um den Sieg gesprintet, und das gleich in acht Rennkategorien.

Für die Jüngsten, die Schüler U15, fällt der Startschuss in Brotterode, alle übrigen Rennklassen starten in der Herzog-Georg-Straße in Bad Liebenstein.

Eliterennen der Frauen: Weltklasse am Start

Erster Höhepunkt der Straßenmeisterschaften ist das Eliterennen der Frauen am Samstag (Start 13:15 Uhr). Der anspruchsvolle Rundkurs (27,3 km) über Brotterode ist ein ständiges Auf und Ab durch den Thüringer Wald. Gegen 17:00 Uhr, nach fünf Runden und einer Gesamtdistanz von 136,5 Kilometern, werden die Frauen um den Sieg sprinten.

Die Liste der Favoritinnen ist hochkarätig. An erster Stelle ist Titelverteidigerin Franziska Koch zu nennen, die das Meistertrikot für ein weiteres Jahr erobern will. „Ich habe mich echt dran gewöhnt dieses Trikot zu tragen und möchte es am liebsten nicht mehr abgeben,” sagt die 25-Jährige, die im Frühjahr den Klassiker Paris-Roubaix gewinnen konnte und vor einer Woche im Zeitfahren der Tour de Suisse als Vierte glänzte. Die Form stimmt also. Aber Koch weiß: „Es wird in jedem Fall ein hartes Rennen, denn gefühlt geht es den ganzen Tag bergauf.”

Eine die weiß, wie es sich anfühlt, das Meistertrikot zu tragen, ist Liane Lippert. Die 28-Jährige war schon dreimal Deutsche Straßenmeisterin: 2018, 2022 und 2023. Und nachdem sie im letzten Jahr leer ausging, will sie unbedingt wieder aufs Podium. „Natürlich ist es mein Traum, das Trikot zurückzuerobern. Die Konkurrenz ist groß, aber das ist auch schön, dass wir Frauen international so gut sind. Das verspricht in jedem Fall ein spannendes Rennen. Die DM ist jedes Jahr etwas besonders. Auf dem anspruchsvollen Kurs rechne ich mit einem Ausscheidungsfahren. Die Stärkste wird gewinnen,” ist Lippert überzeugt.

Antonia Niedermaier, die Gesamtzweite des Giro 2026, wird nicht nur im Einzelzeitfahren am Freitag in Steufdorf (s. Extravorschau) zu beachten sein, sondern auch im Straßenrennen eine wichtige Rolle spielen. Ihr Team Canyon SRAM wird zahlenmäßig am stärksten vertreten sein und will diesen Vorteil taktisch nutzen. Zur Mannschaft gehört auch die Gravel-Spezialistin Rosa Klöser, im letzten Jahr Dritte der Titelkämpfe in Linden in der Pfalz.

Wieder zurück zu alter Stärke gefunden hat Ricarda Bauernfeind, die in den schweren Etappenrennen des Frühjahrs in den Bergen zu überzeugen wusste.

U19: German Junior Racing will Heimvorteil nutzen

Im Blickpunkt der Meisterschaften stehen auch die Nachwuchsklassen U15, U17 und U19 (jeweils männlich und weiblich), die sich auf eine große Zuschauerkulisse freuen dürfen, wenn sie um die Podiumsplätze sprinten.

U15, U17 und U19 weiblich tragen am Samstag ihre Meisterschaft aus. Bei den Juniorinnen gilt Leni Burger, die ihr zweites Jahr in der Juniorinnenklasse bestreitet, als eine der Favoritinnen. Sie ist amtierende Bayrische Landesmeisterin und war im letzten Jahr DM-Zweite im Mountainbike (Cross Country). Eine vielseitige Fahrerin ist auch Edda Bieberle aus Sachsen-Anhalt, die auf der Straße, auf der Bahn und im Gelände in dieser Saison schon neun Siege feierte. Ebenfalls zu beachten sind Amaldine Jakob vom Thüringer Verein Waltershausen-Gotha und Klara Dworatzek vom SSV Gera.

Der Titelkampf der U19 männlich beginnt der Sonntag um neun Uhr (136,5 km). Ihren Heimvorteil nutzen will das German Junior Racing Team des Thüringer Radsportverbandes, das gleich zehn Fahrer ins Rennen schickt. Ob Raul Esch, Mika Lohmar, Max Jerzyna oder Lenny Karstedt, 2025 DM-Fünfter, sie alle werden ihr Bestes geben und vor heimischer Kulisse ihre Sportart bestens vertreten.

Top-Favorit ist Europameister Karl Herzog, der in seinem zweiten U19-Jahr genug Erfahrung hat, sich gegen die harte Konkurrenz zur Wehr zu setzen. Herzog war in diesem Jahr u.a. Zweiter bei Paris-Roubaix in seiner Altersklasse, und er gewann den italienischen Klassiker Trofeo Emozione. Zu den Medaillenanwärtern ist auch Owen Kings zu zählen, der jüngst das Bundesligarennen in Gippingen (Schweiz) gewonnen hat, wo er sich als Ausreißer durchsetzte. Auch Bundesliga-Spitzenreiter Luan Elsäßer wird zu beachten sein.

Um 12:30 Uhr ist mit der Zielankunft der Junioren zu rechnen und gleich danach steuert das Meisterschafts-Wochenende in Thüringen seinem Höhepunkt entgegen: Um 12:45 Uhr fällt der Startschuss zum Eliterennen der Männer.

Elite Männer: Der packende Kampf um das Trikot

Die Zeiten, das ein Team das Rennen nach Belieben diktieren kann, sind vorbei. Das Fahrerfeld ist ausgewogener, so dass sich die Zuschauer auf einen spannenden Titelkampf freuen dürfen. Die deutsche Mannschaft Red Bull-Bora-hansgrohe, die viele Jahre dem Rennen ihren Stempel aufdrückte, hat diesmal nur drei Fahrer gemeldet: Nico Denz, der DM-Zweite von 2023, Emil Herzog und Ben Zwiehoff. Der letztjährige Tour-Dritte, Florian Lipowitz, verzichtet nach seinem Sieg in der Slowenien-Rundfahrt auf einen Start in Bad Liebenstein, um sich voll auf die Tour zu konzentrieren.

Ebenfalls zu Dritt reist das WorldTour-Team Lidl-Trek an und hat neben den sprintstarken Maximilian Walscheid und Tim Torn Teutenberg vor allem mit Lennard Kämna einen Fahrer am Start, dem die bergige 27-km-Runde entgegenkommen dürfte. Zahlenmäßig stark vertreten ist der Schweizer Rennstall Tudor Pro Cycling um den Deutschen Meister von 2024, Marco Brenner. Seine Teamkollegen Florian Stork und Lennart Jasch sind heiße Podiums-Kandidaten. Jasch überzeugte zuletzt von seinen Kletterfähigkeiten in der Tour of the Alps, wo er einen Etappensieg feierte und die Bergwertung gewann. Auch Felix Engelhardt von Jayco AlUla will bei der DM überzeugen.

Während Nils Politt und Maximilian Schachmann als Einzelstarter unterwegs sind, kann Titelverteidiger Georg Zimmermann auf die Unterstützung seines Teamkollegen Jonas Rutsch setzen. Zimmermann ist in guter Form und will seinen Titel in Bad Liebenstein erfolgreich verteidigen. „Das ist mein Ziel, sonst würde ich gar nicht erst anreisen”, macht der Augsburger deutlich.

Steinhauser träumt vom Titel

Sein härtester Widersacher wird Georg Steinhauser (EF Education Easy Post), Giro-Etappensieger von 2024. Nach einem gesundheitlich schwierigen Jahr hat der Allgäuer wieder zu alter Stärke zurückgefunden. Im Frühjahr war er Gesamtdritter des Etappenrennens Paris-Nizza – hinter dem zweifachen Tour-Sieger Jonas Vingegaard und Daniel Felipe Martinez - gewann außerdem die Wertung des besten Nachwuchsfahrers.

Er reist mit einem ganz klaren Ziel nach Bad Liebenstein: „Ich möchte die Meisterschaft gewinnen,” sagt der 24-Jährige, dem die bergige Strecke durch den Thüringer Wald gut liegen dürfte. „Es ist ein sehr anspruchsvoller Kurs, aber der Berg ist nicht so steil, darum kann man nicht so leicht wegfahren,” glaubt Steinhauser, der mit seinem alten Team, der Radunion Wangen, zur Meisterschaft anreist. „Das wird ein kleiner Familienausflug,” freut er sich auf die Unterstützung.

Steinhauser hat zuletzt wie Georg Zimmermann die Tour Auvergne - Rhône-Alpes, früher Critérium du Dauphiné, bestritten, als letzte große Generalprobe vor der Tour de France. Dort tritt Steinhauser zum ersten Mal an und will um einen Etappensieg kämpfen. Die Freiheit hat er in seinem Team, das keinen eindeutigen Klassementfahrer in die Tour schicken wird. Ganz anders bei der Deutschen Meisterschaft: Da ist Steinhauser der Top-Favorit.